Lehrstuhl für Sozialpsychologie

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Die Disziplin "Sozialpsychologie"

Sozialpsychologie als Wissenschaft

Was empfinden wir für unsere Partner? Welche psychologischen Faktoren bestimmen die Wahrnehmung physischer Attraktivität, wie entstehen Konflikte zwischen Gruppen, welche Einstellung haben wir gegenüber Menschen aus anderen Kulturen, wie verhalten Menschen sich in Notsituationen? Auf solche und viele andere Fragen des Alltagslebens versucht die Sozialpsychologie eine Antwort zu finden. Die Sozialpsychologie ist die Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten, wobei die sozialen Bezüge zwischen Individuen berücksichtigt werden. Untersucht wird das Denken, Fühlen und Verhalten eines Individuums in Bezug auf andere, sowie der Einfluss, den andere Menschen auf ein Individuum haben. Dabei wird dem sozialen Kontext, den Beziehungen des Individuums zu anderen Personen und Gruppen und der Kultur große Bedeutung für die psychischen Prozesse beigemessen. Wichtige Themen sind u.a. die Personenwahrnehmung, enge Beziehungen, das Selbstkonzept, Einstellungen und ihre Änderung, soziale Vergleiche, Attributionen, Stereotype und Vorurteile, sozialer Einfluss, Konformität und Konflikte zwischen Gruppen.

Die Wissenschaft der Sozialpsychologie hat eine lange Vergangenheit, aber eine kurze Tradition. Ihre Wurzeln sind bereits in der altgriechischen Philosophie (Plato und Aristoteles) in Abhandlungen über die Grundfragen des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft angelegt. Jedoch erst 1897 führte der amerikanische Psychologe Norman Triplett die ersten sozialpsychologischen Experimente (zum Einfluss der Anwesenheit anderer Personen auf die individuelle Leistung) durch. 1908 erschienen die ersten beiden Lehrbücher - von William McDougall "An Introduction to Social Psychology" und von Edward Alsworth Ross "Social Psychology: An Outline and Source Book". Damit entwickelte sich die Sozialpsychologie, die bis dahin eher eine untergeordnete Disziplin der Psychologie, Philosophie und Soziologie gewesen war, zu einer eigenständigen Grundlagenwissenschaft innerhalb der Psychologie. Heute versteht sich die Sozialpsychologie als empirische Wissenschaft, die vorwiegend quantitativ arbeitet. Obgleich auch Beobachtungen im Feld durchgeführt werden, ist die experimentelle Forschung und die Umfrageforschung in der Sozialpsychologie am weitesten verbreitet.

Eines der bekanntesten Beispiele für eine solche sozialpsychologische Untersuchung ist das Gehorsamkeits-Experiment, das Stanley Milgram Anfang der 1960er Jahre durchgeführt hat. In der Studie wurde der Gehorsam von männlichen Versuchspersonen gegenüber Autoritäten auf erschreckende Weise unter Beweis gestellt: Sie sollten einem Schüler (tatsächlich handelt es sich aber um einen Schauspieler) schmerzhafte Elektroschocks verabreichen, wenn dieser eine Lernaufgabe nicht richtig gelöst hatte. Von 40 Versuchspersonen weigerten sich nur fünf Personen, dem vermeintlich schlechten Schüler mit mehr als 300 Volt zu bestrafen. 65 % der Vpn schockten den Schüler mit 450 Volt - eine tödliche Dosis. Sicherlich sind die heutigen Experimente der Sozialpsychologie - auch aus ethischen Gründen - weniger spektakulär, aber die Fragen, die sich mit dem Milgram-Experiment stellen, sind auch heute noch aktuell und ihre sozialpsychologische Erklärung ist relevant für Wissenschaft und Gesellschaft.

 

Sozialpsychologie in Wuppertal

Natürlich wird die Bandbreite sozialpsychologischer Forschung in den Lehrveranstaltungen, insb. in den Veranstaltungen zum ersten Studienabschnitt vermittelt. Der Forschungsschwerpunkt in Wuppertal liegt allerdings im Bereich von engen Paarbeziehungen und evolutionärer Sozialpsychologie.

Eine gute Partnerschaft zu führen, steht für die meisten Menschen an Platz 1 der Werte-Skala. In der Tat sind diejenigen, die eine feste Beziehung haben, im Durchschnitt glücklicher als Singles. Doch was macht überhaupt eine gute Beziehung aus? Wir haben festgestellt, dass vier Dimensionen hinter der Qualität einer guten Beziehung stehen: 1.) die Intimität zwischen den Partnern, d.h. wie gut sie sich verstehen, und wie vertraut sie miteinander sind, 2.) die Übereinstimmung zwischen ihnen, d.h. ob sie z.B. gleiche Interessen und den gleichen Freundeskreis haben, 3.) die Unabhängigkeit der Partner, d.h. ob beide z.B. auch eigene Freunde haben und sich gegenseitig Freiräume gewähren, und 4.) die Sexualität. Männer finden eine zufriedenstellende Sexualität besonders wichtig, Frauen legen mehr Wert auf Intimität. Ohnehin denken Frauen mehr und intensiver über ihre Beziehung nach.

Eine unserer aktuellen Untersuchungen hat gezeigt, dass sich mit der Enge der Beziehung die Merkmale, auf die man besonderen Wert legt, ändern. So wird die Übereinstimmung immer wichtiger, je enger die Beziehung wird. Legen Singles wenig Wert auf Übereinstimmung, nicht zusammenwohnende Paare etwas mehr, zusammenwohnende aber unverheiratete Paare noch etwas mehr, finden schließlich verheiratete Paare Übereinstimmung sehr wichtig. Umgekehrt tritt jedoch die Bedeutung von Intimität und Unabhängigkeit in den Hintergrund und Verheiratete weisen der Sexualität nicht mehr die Bedeutung zu, die andere Paare ihr beimessen.

In einem weiteren Forschungsschwerpunkt untersuchen wir, wer bei der Partnerwahl auf welche Merkmale Wert legt. Eine aktuelle Studie zum Vergleich der Partnerwahl in Deutschland, Frankreich und Irland zeigt, dass es sowohl Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren als auch zwischen Kulturen in Abhängigkeit von ihrer Familien- und Sozialpolitik gibt. Dies spricht gegen eine evolutionspsychologische und für eine kulturabhängige Erklärung von Partnerwahlunterschieden bei Männern und Frauen.

 

Einige eigene Publikationen zu diesen Themen:

Hassebrauck, M. (2003).The Effect of Fertility Risk on Relationship Scrutiny. Evolution and Cognition, 9, 116-122.

Hassebrauck, M. (2003). Romantische Männer und realistische Frauen. Geschlechtsunterschiede in Beziehungskognitionen. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 34, 23-35.

Hassebrauck, M. & Fehr, B. (2002). Dimensions of relationship quality. Personal Relationships, 9, 253-270.

Kümmerling, A. & Hassebrauck, M. (2001). Schöner Mann, reiche Frau? Die Gesetze der Partnerwahl im gesellschaftlichen Wandel. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 32, 81‑94.

Hassebrauck, M. & Aron, A. (2001). A prototype matching model of relationship quality. Personality and Social Psychology Bulletin, 27, 1111-1122.

Hassebrauck, M. (1998). The visual process method: A new method to study physical attractiveness. Evolution and Human Behavior, 19, 111-123.

Hassebrauck, M. (1997). Cognitions of relationship quality: A prototype analysis of their structure and consequences. Personal Relationships, 4, 163-185.